Der Hitlergruß – eine "unheilvolle Geste" als massenhafte Praxis beim Reichsparteitag

 Bilderrahmen mit Drohung gegen die "Feinde" des Hitler-Grußes, um 1940. (DZO-0165)
Vorderseite des Bildes: Grafik von Richard Rother zum Aufenthalt von Pfälzern 1939 in Kitzingen. Diese waren ab September 1939 für ein Jahr umgesiedelt worden, um dem Aufmarsch deutscher Truppen beim Angriff auf Frankreich nicht im Weg zu sein. (DZO-0165)Noch etwas ungeordneter Hitlergruß beim Reichsparteitag auf dem Zeppelinfeld, 1933. (Ph-0014-04)Formierte Parteitagsbesucher mit Hitlergruß beim Reichsparteitag auf der Zeppelintribüne, 1938. (D-0194-01)Verkaufsstand für Reichsparteitagssouvenirs mit Schriftzug "Heil Hitler!", 1933. (Ph-0517-02)Hitler an seinem Hotelfenster mit der Leuchtschrift "Heil Hitler", 1934. (D-0357-01)
Material:

Holzrahmen mit Verglasung, darin bedrucktes Papier

Beschreibung:

Zwei Motive auf Vorder- und Rückseite Vorderseite: Erinnerung an die "Kriegsheimat" von Pfälzern in Kitzingen (1939/40). Rückseite: Mahnung zur Benutzung des Hitlergrußes.

Hersteller:

Josef Ostermann, Kitzingen

Maße:

33,5 cm breit, 25,5 cm hoch, 1 cm dick (mit Rahmen)

Sammlungsnummer:

DZO-0165

Als Teil eines großen Konvoluts von Büchern, Zeitschriften und Gegenständen kam Anfang 2021 ein kleiner Bilderrahmen in den Bestand des Dokumentationszentrums. Auf der Rückseite enthält er die aggressive Aufforderung, den sogenannten "Deutschen Gruß" zu nutzen: "Nur unsere Feinde verweigern den Deutschen Gruß. Gehörst Du nicht dazu, dann ist Dein Gruß: Heil Hitler!" Das Objekt ist ein Beleg für das Bestreben, dem Nationalsozialismus auch im Alltag zum Durchbruch zu verhelfen. Der Besitzer des Bilderrahmens hatte Zugang zu diesem gedruckten Propagandablatt und rahmte es. Allerdings war ihm offensichtlich eine heimatliche Grafik des Künstlers Richard Rother wichtiger, die an den vorübergehenden Aufenthalt von Pfälzern in Kitzingen 1939/40 erinnerte. Die aggressive Aufforderung zum Hitlergruß befand sich auf der Rückseite der Grafik und war wohl nicht zu sehen – 1940 hatte sich der Hitlergruß auch schon weitgehend durchgesetzt. Es hing also auch von der Entscheidung Einzelner ab, ob eine derartige Aufforderung zum Hitlergruß in einem Laden, einer Gaststätte oder einem anderen Raum mit Publikumsverkehr aufgehängt wurde.

Ab 1933 wurden Schilder zur Propagierung des Hitlergrußes massenhaft produziert: So befindet sich im Bestand des Deutschen Historischen Museums in Berlin ein emailliertes Blechschild mit der Aufforderung: "Volksgenosse, trittst Du ein, soll Dein Gruß ‚Heil Hitler‘ sein!" und ein weiteres mit dem schlichteren Text "Unser Gruß ist ‚Heil Hitler!‘" Es gelang nach der Machtübernahme Hitlers das Grüßen im Sinne des Nationalsozialismus quasi "gleichzuschalten". Parteikader und staatliche Stellen übten in dieser Richtung gehörig Druck aus: Am 13. Juli 1933 ordnete Reichsinnenminister Wilhelm Frick per Rundschreiben den Hitlergruß für Beschäftigte im öffentlichen Dienst an und erwartete von den Beamten, "dass sie auch außerhalb des Dienstes in gleicher Weise grüßen." Auch beim Singen des "Deutschlandliedes" (1. Strophe) und des Horst-Wessel-Liedes sei "der Hitlergruß zu erweisen." Später folgten andere gesellschaftliche Bereiche wie ab Herbst 1933 die Schulen (Hitlergruß zu Schulbeginn und -ende). In seinem Buch Der deutsche Gruß beschreibt Ulrich Hesse seinen unterschiedlichen Umgang mit dem Hitlergruß von der Kindheit ab 1933 über seine Zeit als Soldat bis zum Kriegsende abschließend mit dem erleichterten Ausruf 1945: "Ab jetzt wird wieder anständig gegrüßt!"

Eigentlich ist das Grüßen eine zwar gesellschaftlichen Konventionen gehorchende, aber doch individuell und regional sich unterscheidende Grußform zu Beginn einer persönlichen Begegnung. Vom norddeutschen "Moin, Moin!", über das neutrale "Guten Tag!" bis zum süddeutsch-katholischen "Grüß Gott!" gab und gibt es auch in Deutschland zahlreiche unterschiedliche Grußformen. Manche wurden als besonders deutsch verstanden wie der Turnergruß "Gut Heil!"  Den deutschen Gruß gab es vor dem Nationalsozialismus aber nicht. Vorläufer hatte der Hitlergruß neben den Grußformeln der Turnerbewegung und dem militärischen Grüßen vor allem im Gruß der italienischen Faschisten. In der nationalsozialistischen Bewegung wurde er schon vor 1933 verwendet, auch um sich von anderen politischen Bewegungen abzugrenzen und um intern den Führungsanspruch Adolf Hitlers in der NSDAP zu bekräftigen.

Der Gruß "Heil Hitler!" erzwang ab 1933 in der deutschen Gesellschaft ein Bekenntnis zum nationalsozialistischen Staat und seinem "Führer" und drang in das Alltagsleben der Menschen ein. Selbst im Kinderzimmer konnte der Hitlergruß nachgespielt werden: Beliebt waren in den 1930er Jahren Spielfiguren aus Elastolin, einem plastikähnlichen Material. Neben Soldaten, SA- und SS-Trupps, Musikkapellen und verschiedenen sonstigen Figuren aus dem Alltagsleben wurden auch mehrere Versionen einer Figur des "Führers" zum Spielen angeboten. Meist waren die Figuren nicht beweglich, einige der Hitler-Figuren aber schon: Man konnte den rechten Arm der Figur zum Hitlergruß heben und so etwa im Spiel vorbeimarschierenden Marschformationen grüßen.

Der Soziologe Tilmann Allert (Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste) hat den "Deutschen Gruß" wegen seines Bekenntnischarakters als "verkleideten Schwur" bezeichnet. Er hatte nicht nur die Funktion des gegenseitigen Grüßens im Alltag, sondern bezog dabei auch den nicht anwesenden "Führer" ein. Man grüßte nicht nur sein Gegenüber, sondern bestätigte sich in Wort und Geste gegenseitig Treue und Anhängerschaft zu Adolf Hitler. Der Hitlergruß war aber nicht nur eine zwischenmenschliche Grußformel, sondern musste auch gegenüber nationalsozialistischen Hoheitszeichen bei Aufmärschen entboten werden und natürlich gegenüber Adolf Hitler selbst. So wurde der Hitlergruß zur massenhaften Praxis bei den Nürnberger Reichsparteitagen. Verkaufsstände dekorierte man mit dem Schriftzug "Heil Hitler!" und die Unterkunft Hitlers im Hotel Deutscher Hof am Frauentorgraben zierte ebenfalls unter seinem Zimmerfenster im ersten Stock der aus Glühbirnen gestaltete Schriftzug "Heil Hitler!". Zahlreiche Besucher des Reichsparteitags versuchten mit dem Ruf "Lieber Führer sei so nett, komm doch mal ans Fensterbrett" Hitler zu veranlassen, sich am Fenster zu zeigen. Begeisterte Heilrufe mit ausgestrecktem Arm waren die Folge. In wohl kaum einer anderen Stadt dürfte während einer Woche derart massenhaft der Hitlergruß zu sehen gewesen sein wie in Nürnberg während des Reichsparteitags.

Die unterschwelligen und offenen Drohungen gegen diejenigen, die den Hitlergruß verweigerten, waren durchaus ernst gemeint: So verurteilte das Sondergericht Nürnberg 1944 den Arbeiter Leonhard Berg aus Rothenburg o. T. wegen eines Vergehens gegen das "Heimtückegesetz" zu zwei Jahren Gefängnis. Er hatte, als seine "Arbeitskameraden" einem Vorgesetzten mit Hitlergruß begegneten, die abfällige Bemerkung gemacht: "Ihr braucht die Hände hinauftun, die gehören Euch abgehackt."

Für Gegner des Nationalsozialismus war der allgegenwärtige Hitlergruß eine Provokation. Ein fast schon ikonisch gewordenes Foto zeigt inmitten einer Masse von grüßenden Arbeitern beim Stapellauf des Marineschulschiffes "Horst Wessel" in der Hamburger Werft Blohm &Voss einen einzigen Arbeiter, der mit verschränkten Armen den Hitlergruß verweigert – ein seltener Akt der Zivilcourage. Mindestens ebenso bekannt ist die Collage von John Heartfield mit dem Titel "Der Sinn des Hitlergrußes": Es zeigt Hitler bei der Annahme des Grußes mit nach oben angewinkeltem Arm. Hinter ihm steht ein überlebensgroßer Vertreter des Großkapitals und legt Hitler ein ganzes Bündel von Geldscheinen in die erhobene Hand: "Motto: Millionen stehen hinter mir. Kleiner Mann bittet um große Gaben."

Verweigerung und Spott gegenüber dem Hitlergruß blieben aber die Ausnahme. Die Grußformel "Heil Hitler" samt der Geste des ausgestreckten Arms war Teil eines kommunikativen Gesamtkonzepts aus Aufmärschen, Reden, Uniformen, Symbolen und Massenveranstaltungen, mit dem der Nationalsozialismus die deutsche Gesellschaft prägte und veränderte. Der Hitlergruß half den Nationalsozialismus im Alltag zu verankern und erzwang ein ständiges Bekenntnis zu Adolf Hitler – angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen tatsächlich eine "unheilvolle Geste".

Drei Fragen an Alexander Schmidt zu Hitler als Elastolin-Figur
(.mp4-Datei 81,2 MB)

Hitler als Elastolin-Figur


Weiterlesen, weiterforschen:

Tilman Allert: Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste, Frankfurt am Main 2005

Simone Erpel: Zivilcourage – Schlüsselbild einer unvollendeten Volksgemeinschaft, in: Gerhard Paul (Hg.): Das Jahrhundert der Bilder 1900 bis 1949, Göttingen 2009, S. 490-997

Ulrich H. K. Hesse: Der Deutsche Gruß: Eine Kindheit und Jugend zwischen Ideologie und Idylle, Norderstedt 2015

Weiterlesen im Netz:

Deutsches Historisches Museum: Türschild mit der Aufforderung zum "Hitler-Gruß"

SZ Photo: Blogbeitrag zu einem Foto mit verweigertem Hitlergruß eines Hamburger Arbeiters

Projekt "Rothenburg unterm Hakenkreuz": Urteil des Sondergerichts Nürnberg wegen Verunglimpfung es deutschen Grußes

The Metropolitan Museum of Art: Fotocollage "Der Sinn des Hitlergrußes" von John Heartfield, 1932

Reihe "Ans Licht geholt – aus der Sammlung des Dokumentationszentrums"

Text und Recherche: Alexander Schmidt (und Doris Badel, Stadtarchiv Kitzingen)
Filmaufnahmen: Daniela Harbeck-Barthel