Faszination "Lichtdom"
Ein Ölgemälde der bekanntesten Inszenierung der Reichsparteitage

Robert Sluka: Nürnberg 9. Sept. 1938, Ölgemälde 1938.
"Lichtdom" 1938, Foto von Hans Ruff, Erlangen (DZ-Ph 85-02)."Lichtdom" 1937, Repro aus zeitgenössischem Erinnerungsband (DZ-Ph 85-10)."Lichtdom" mit Flakscheinwerfer, Foto von Lala Aufsberg. Bildnachweis: Stadtarchiv Nürnberg 10988
Künstler:

Robert Sluka

Titel:

Nürnberg 9. Sept. 1938

Datierung:

1938

Beschreibung:

Ölgemälde auf Karton, in braunem Holzrahmen

Maße:

45,5 cm breit, 38,5 hoch (mit Rahmen)

Sammlungsnummer:

DZO 0141

Von 1936 bis 1938 inszenierte Albert Speer während der Reichsparteitage beim abendlichen „Appell der Politischen Leiter" den sogenannten "Lichtdom". Speer ließ in regelmäßigen Abständen 130 Flakscheinwerfer um das 1936 schon weitgehend fertiggestellte Zeppelinfeld aufstellen. Bei der Ankunft Hitlers strahlten die Scheinwerfer senkrecht in den Himmel, wo sich durch die Lichtstreuung die einzelnen Lichtkegel in großer Höhe zu einem imaginären, bläulichen Lichtraum verbanden – dem "Lichtdom".

Bei den "Politischen Leitern" handelte es sich um Mitglieder der NSDAP, die Funktionen in der Partei ausübten. 90.000 von ihnen sind 1936 auf dem Zeppelinfeld angetreten und 70.000 Zuschauer bevölkerten die Zuschauerwälle, als das Schauspiel erstmals stattfand. Auch der britische Botschafter Neville Henderson war beim Reichsparteitag 1937 ein zumindest kurzfristig begeisterter Augenzeuge des Lichtdoms und bezeichnete die Inszenierung als "Kathedrale aus Eis".

Etwas selbstgerecht schreibt Albert Speer in seinen 1966 publizierten Erinnerungen: "Ich nehme an, mit diesem 'Lichtdom' wurde die erste Lichtarchitektur dieser Art geschaffen, und für mich bleibt es nicht nur meine schönste, sondern auch die einzige Raumschöpfung, die, auf ihre Weise, die Zeit überdauert hat." Speer liegt hier, wie so oft in seinen sogenannten Erinnerungen, falsch, denn der "Lichtdom" 1936 war keineswegs die erste Lichtinszenierung dieser Art. Speer selbst hatte schon 1933 beim Erntedankfest auf dem Bückeberg etwas Derartiges versucht, auch bei Filmpremieren in Hollywood und anderen Großereignissen waren zuvor schon Lichtinszenierungen eingesetzt worden. Der Historiker Wolfgang Schivelbusch ordnet den "Lichtdom" dementsprechend nüchterner ein: "Der Lichtdom war nur eine der unzähligen Lichtstrahlarchitekturen seiner Epoche, wenngleich zweifellos die am mächtigsten wirkende und sich einprägende. (…) Was den Lichtdom von Nürnberg so präsent erhält, ist der Zusammenhang, aus dem heraus und für den er inszeniert wurde." Gemeint ist die Zusammenfassung von über 150.000 Menschen zu einer damals so bezeichneten "Volksgemeinschaft" durch eine schlüssige und eindrucksvolle Lichtinszenierung. Erst die begonnene Aufrüstung der Wehrmacht ermöglichte es Speer, derart lichtstarke Scheinwerfer in so großer Zahl einzusetzen. Für den (ausgefallenen) Reichsparteitag 1939 wurden sogar Musikstücke komponiert, die mit tausenden Sängern und Musikern unter dem Lichtdom aufgeführt werden sollten – ein nationalsozialistisches Gesamtkunstwerk zur Verherrlichung der angeblichen "Volksgemeinschaft".

Das Ölgemälde und sein Künstler

Dem 2017 durch Schenkung in die Sammlung des Dokumentationszentrums gelangten Ölgemälde Robert Slukas ist die Begeisterung über den "Lichtdom" anzumerken. Eine rote Menschenmasse schiebt sich in das Zeppelinfeld hinein, welches von den Strahlen des "Lichtdoms" eingerahmt wird. Gezeigt werden soll hier wohl der Einmarsch der 25.000 Fahnen der NSDAP zu Beginn der Inszenierung, aber weder die Fahnen beim Einmarsch noch die Fahnen auf den Türmen des Zeppelinfeldes sind als Hakenkreuzfahnen zu erkennen. Hätte der Künstler nicht selbst das Gemälde links unten mit "Nürnberg 9. Sept. 1938" bezeichnet, könnte man das Bild auch für eine Verherrlichung eines Aufmarschs der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion halten. Auch das Zeppelinfeld ist nicht eindeutig zu erkennen.

Über Robert Sluka ist vergleichsweise wenig bekannt: Der 1893 in Oderberg-Schönichl (heute Bohumín im Osten Tschechiens) geborene Künstler hat an der Wiener Kunstakademie bei Professor Josef Jungwirth studiert und ist 1944 in Arnheim verstorben. Auf Auktionen erzielen seine Landschaftsbilder Preise von meist unter 1000 €. Er wird in Auktionskatalogen als Impressionist bezeichnet und ist auf keinen Fall zur künstlerischen Avantgarde seiner Zeit zu zählen. Sein überraschend expressionistisch wirkendes Gemälde vom "Lichtdom" fällt vom Motiv und von der Malweise her aus seinem sonst bekannten Werk heraus.

Fotos und andere Bilder vom "Lichtdom"

Der "Lichtdom" ist vor allem durch die damalige Propagandafotografie bekannt. In den Erinnerungsbänden zu den Reichsparteitagen, in den Zeitungen und Illustrierten erschienen zahllose Fotos aus verschiedenen Perspektiven. Unter den Fotos ragen die künstlerisch anspruchsvollen Arbeiten der Nürnberger Fotografin Lala Aufsberg heraus, die von der Moderne der Zwanziger Jahre beeinflusst scheinen. Auch ein anderer Künstler hat den "Lichtdom" mehrfach gemalt: Ernst Vollbehr. Er wird in einer der nächsten Folgen der Reihe "Ans Licht geholt" vorgestellt.

Der Lichtdom zählt zu den bekanntesten Inszenierungen der Reichsparteitage und wurde vielfach nach 1945 in der historischen Fachliteratur abgedruckt. Sogar der Pop-Art-Künstler Andy Warhol hat ein Foto des Lichtdoms für seinen Siebdruck "Reflected" aus dem Jahr 1982 verwendet.

Quellenhinweise und zum Weiterlesen:
Anne Krauter: Die Schriften Paul Scheerbarts und der Lichtdom von Albert Speer – "Das grosse Licht", Dissertation Heidelberg 1997
https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/4903/

Wolfgang Schivelbusch: Licht, Schein und Wahn. Auftritte der elektrischen Beleuchtung im 20. Jahrhundert, Berlin 1992, S. 89 (Zitat oben)
Alexander Schmidt: Fackeln, Feuerschalen, Lichtdom. Licht und Politik in Nürnberg, in: Ders.: Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, Nürnberg 2017, S. 146-149
Albert Speer: Erinnerungen, Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1969, S. 712 (Zitat oben)

Reihe "Ans Licht geholt – aus der Sammlung des Dokumentationszentrums"

Text und Recherche: Alexander Schmidt