"Halt in Nürnberg auf dem Transport zur Front"
Ein Schluck Wasser am Bahnhof Märzfeld

Truppentransport am Bahnhof Märzfeld, 26. Mai 1940. (DZ-Ph 2463)
Soldaten mit Begleitung auf dem "Aussichtsturm bei Pegnitz, Mai 1940" (rückseitige Beschriftung). (DZ-Ph 2676, DZ-Ph 2677)Pause während des Frankreichfeldzugs. (DZ-Ph 2686)Kriegsruine in Frankreich 1940. (DZ-Ph 2678)
Objekt:

Originalfoto (Kleinbild), einem Album entnommen. Teil eines Fotokonvoluts aus dem Nachlass eines Leutnants der Wehrmacht

Maße:

6 cm breit, 4,5 cm hoch

Material:

zeitgenössisches Fotopapier

Datierung:

26. Mai 1940

Hersteller:

Private Fotografie

Sammlungsnummer:

DZ-Ph 2463

Ein Soldat trinkt in gebückter Haltung Wasser, hinter ihm ist deutlich das Schild "Bahnhof Märzfeld" zu sehen. Durch Ankauf im Jahr 2024 kam dieses kleine Foto vom Bahnsteig des Bahnhofs Märzfeld in Nürnberg-Langwasser in die Sammlung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. Das Motiv zeigt einen kurzen "Halt in Nürnberg auf dem Transport zur Front" – so lautet die Beschriftung auf der Rückseite des Fotos. Dort ist das Bild auch datiert: Aufgenommen wurde es am 26. Mai 1940.

Bisher ist dies das einzige bekannte Foto, das den Bahnhof Märzfeld bei Truppentransporten der Wehrmacht zeigt. Der als "Lagerbahnhof" für die Logistik des Lagerareals auf dem Reichsparteitagsgelände geplante Bahnhof mit 8 Gleisen wurde nie fertiggestellt, seine Infrastruktur aber im Krieg benutzt. Von hier aus gingen die ersten beiden Deportationen fränkischer Juden und Jüdinnen in die Ghettos und Lager im Osten. Tausende Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene wurden hier ausgeladen und in die Lager in Langwasser gebracht. Und manchmal hielten hier auch Truppentransporte der Wehrmacht – wie das Foto belegt.

 

Das Museum kauft nur in Ausnahmefällen NS-Relikte bei Anbietern im Internet, um den Handel mit den manchmal auch zweifelhaften Anbietern nicht zu bedienen. Diese nehmen oft aus Profitinteresse Fotokonvolute auseinander und zerstören so wichtige Informationen zur Objektgeschichte. In diesem Fall konnte das Dokuzentrum auch andere Fotos aus demselben Bestand erwerben und zumindest den Besitzer und die Einheit der Wehrmacht, in der er Dienst tat, ermitteln. Deshalb können wir eine Geschichte erzählen, die mit diesem Foto vom Bahnhof Märzfeld verbunden ist.

Vom Bahnhof Märzfeld in den Vernichtungskrieg

Das Foto stammt aus dem Nachlass eines Leutnants der 296. Infanteriedivision, die 1940 zunächst in den Westen und dann an die Ostfront geschickt wurde.

Wer der Soldat ist, der sich im Mai 1940 einen Schluck Wasser am Bahnsteig des Bahnhofs Märzfeld gönnt, wissen wir nicht. Aber wir können den Weg seiner Einheit im Zweiten Weltkrieg dank der wegweisenden Studie des Historikers Christian Hartmann "Wehrmacht im Ostkrieg" nachvollziehen. An den Fronten im Osten sowie im Hinterland sind wir mit Massakern, Gewalttaten und Kriegsverbrechen der Wehrmacht konfrontiert – man war ab 1941 nicht in einer beliebigen militärischen Auseinandersetzung, sondern es ging um die Vernichtung angeblich minderwertiger Menschen und das nationalsozialistische Konzept eines "Lebensraums im Osten". Dies bedeutete die Vertreibung oder Ermordung der dort lebenden Bevölkerung und insbesondere die Ermordung der dort lebenden Juden. Der Wehrmacht war daran beteiligt, auch die 296. Infanteriedivision.

Franken als Erholungsraum – Transport nach Frankreich

Franken war für die ab Februar 1940 vor allem in der Oberpfalz und in Niederbayern zusammengestellte Division eine Art Vorbereitungs- und Erholungsraum vor dem Kriegseinsatz. Dies zeigen zwei Fotos, beschriftet mit "Aussichtsturm bei Pegnitz Mai 1940", auf dem einige Soldaten der 296. Infanteriedivision mit weiblicher Begleitung zu sehen sind – offenbar kurz vor dem Transport zur Front.

Zurück zum Foto vom Bahnhof Märzfeld: Nach dem kurzen Halt mit Trinkpause in Nürnberg geht es für die 296. Infanteriedivision und für unseren Soldaten zunächst nach Westen. Weitere Fotos aus dem Nachlass zeigen Besuche bei Soldatenfriedhöfen, Ruinen nach den Kampfhandlungen und Alltagsszenen eines noch scheinbar "normalen" Kriegsgeschehens wie eine Pause mit einem Fohlen im Quartier in Nizy-le-Comte am 14. Juni 1940. Die nicht besonders gut ausgestattete und etwas überalterte, aber dennoch schlagkräftige 296. Division erlebt den Westfeldzug als Reserve fast wie im Frieden – dies spiegelt sich auch den Fotografien wider.

Vernichtungskrieg im Osten – und keine Fotos mehr

Im Juni 1941 ist die 296. Infanteriedivision zunächst als Reserve für den Angriff auf die Sowjetunion in der Heeresgruppe Süd eingeteilt, kämpft aber bereits am 22. Juni 1941 mit großen Verlusten in Galizien. Als Infanterieeinheit legt sie innerhalb eines Monats zu Fuß 630 Kilometer Richtung Osten quer durch die Weiten der Ukraine zurück, die damals noch zur Sowjetunion gehörte. Man kämpft bei Kiew und in Weißrussland. Eigentlich will Nazi-Deutschland die Sowjetunion blitzartig besiegen – dies scheitert jedoch und man versucht nun, durch brutales Vorgehen gegen jeden Widerstand einen deutschen Sieg zu erzwingen.

Es gibt einige Selbstzeugnisse von Soldaten der 296. Infanteriedivision, die zeigen, was dieser Krieg bedeutete. So wunderte sich ein Oberstleutnant schon im Juli 1941, dass er so unempfindlich geworden war beim "Anblick eines toten Russen", auch "wenn er schon aufgedunsen und schwarz angelaufen ist. Das Einzige, was uns noch schlaucht, ist der Anblick eines gefallenen und noch nicht beerdigten deutschen Soldaten. (…) Bei einem Russen, und derer gibt es noch genug, auch heute wieder, ist das ganz anders. Da denkt man höchstens ‚Schon wieder einer weniger‘, aber packen kann einen das nicht mehr. Mehr leid tut einem fast ein totes Pferd." (Tagebuch 14.7.1941, Hartmann, S. 222). Die Verrohung im Krieg wird hier in einer bemerkenswerten Selbstreflexion deutlich.

 

 

Juden als Feind – Antisemitismus in der 296. Infanteriedivision

Es sind keine Fotos der 296. Infanteriedivision vom Krieg in der Sowjetunion bekannt, aber manches Tagebuch und mancher Brief spricht eine deutliche Sprache und offenbart einen erschreckenden Antisemitismus, der den Judenmord rechtfertigte und feierte.

Beim Marsch durch die Ukraine war die Division immer wieder mit Kriegsverbrechen und Judenmord konfrontiert, ohne zunächst als Täter beteiligt zu sein. Das Geschehen kommentierte ein Oberst in einem Brief: "Für keinen Juden ist [es] schade, wenn er erschossen wird. Je eher das geschieht, desto besser ist es." (Brief vom 19.7.1941, Hartmann, S. 674). Ein Gefreiter der 296. Infanteriedivision kommentierte das Massaker von Babyn Jar bei Kiew, bei dem über 30.000 Juden und Jüdinnen von deutschen Einsatzgruppen innerhalb von drei Tagen erschossen wurden: "Die Stadt brennt schon acht Tage. Alles machen die Juden. Darauf sind die von 14 bis 60 Jahre alten Juden erschossen worden, und es werden auch noch die Frauen der Juden erschossen, sonst wird‘s nicht Schluss damit." (Brief vom 28.9.1941, Hartmann, S. 675). Ein anderes Mitglied der Division wollte die "Fressen" der Juden "mit dem Stiefel zusammentreten" (Tagebuch 24.9.1941, Hartmann, S. 675). Am Judenmord war die 296. Division, soweit bekannt, aber offenbar nur am Rand direkt beteiligt. Sie ließ aber Massaker in ihrem Einflussbereich wie in Lemberg billigend zu.

Das Ende der Division – Verstrickung in Partisanenmord und "verbrannte Erde"

Ab Mitte 1941 entwickelte sich der Krieg der Wehrmacht in der Sowjetunion extrem verlustreich – an den erhofften schnellen deutschen Sieg war nicht mehr zu denken. Mit radikalen Maßnahmen versuchte man, sich auch in der 296. Infanteriedivision zu halten und eine drohende Niederlage abzuwenden. Im August 1941 erging der Befehl, alle Partisanen "ohne Rücksicht und falsche Humanität zu vernichten" (Befehl 20.8.1941, Hartmann, S. 730 f.). Schon ab 1941 und später beim Rückzug verfolgte man ein Konzept der verbrannten Erde: "Sämtliche vor der Front befindlichen Ortschaften sind beim Räumen niederzubrennen oder der Ort späterhin in Brand zu schießen." (Manuskript "Unser Einsatz im Osten", Hartmann, S. 774). Dennoch blieb die Rote Armee den zurückweichenden Wehrmachtseinheiten dicht auf den Fersen. Im Juni 1944 wurde die Division bei der sowjetischen Sommeroffensive 1944 in Weißrussland vernichtet und im August 1944 aufgelöst.

Ein Foto vor dem grausamen Vernichtungskrieg – der Bahnhof Märzfeld und der Holocaust

Das kleine Foto vom Bahnsteig des Bahnhofs Märzfeld markiert einen letzten Halt vor einem Krieg mit beispiellosen Verbrechen an der ukrainischen und russischen Zivilbevölkerung, an Juden und Jüdinnen und an sogenannten Partisanen. Etwa die Hälfte der Soldaten der 296. Infanteriedivision hat den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt. Was der uns unbekannte Soldat auf dem Foto im Mai 1940 gedacht und getan hat, wissen wir nicht. Gut ein Jahr später ging der erste Deportationszug vom Bahnhof Märzfeld in den Osten. Die eintausend Deportierten mussten vor ihren Wagenabteilen antreten. Ganze 19 Menschen haben die Ghettos und Lager im Osten überlebt.

Das unscheinbare Foto verweist auch auf den Holocaust, mit dem dieser Ort verbunden ist: ein Soldat, wassertrinkend, "auf dem Transport zur Front", im Hintergrund das Schild Bahnhof Märzfeld.


Zum Weiterlesen:

Christian Hartmann: Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941/42, München 2010 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 75)


Reihe "Ans Licht geholt – aus der Sammlung des Dokumentationszentrums"

Text und Recherche: Alexander Schmidt
07.01.2026

Textlizenz: CC BY SA 4.0
© Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

Die Bilder dürfen nur nach Rücksprache mit dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände genutzt werden! Bildrechte des Stadtarchivs Nürnberg müssen dort erfragt werden.
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