- Objekt:
Zeitschrift 'die neue linie', 10. Jahrgang 1938/1939, Heft 1 (September 1938)
- Maße:
36,50 cm hoch, 26,80 cm breit. 0,5 cm tief
- Material:
Papier
- Umfang:
60 Seiten
- Hersteller:
Verlag Otto Beier, Leipzig/Berlin
- Preis:
1 Mark
- Sammlungsnummer:
DZ-HB 10110
Im September 1938 erschien, zeitgleich zum Reichsparteitag, eine Ausgabe der Zeitschrift die neue linie mit dem Reichsparteitagsgelände auf dem Titel. Die Gestaltung des Grafikers Toni Zepf vereint auf den ersten Blick nicht zusammenpassende Elemente: Der am Bauhaus orientierte Schriftzug die neue linie in Kleinbuchstaben scheint so gar nicht mit dem HJ-Jungen samt Fanfare zu harmonieren, genauso wenig wie mit dem kolorierten Foto vom Baumodell des Reichsparteitagsgeländes unten und dem Blick auf die Nürnberger Burg durch ein gotisches Fenster mit hölzernen Fensterläden oben.
Man könnte den Titel die neue linie auf die neue Rolle Nürnbergs im Dritten Reich beziehen. Oder noch direkter auf die Verbindung des Reichsparteitagsgeländes zur historischen Altstadt durch die Ausrichtung der Großen Straße (mittig auf dem Zeitschriftentitel) Richtung Nürnberger Burg. Beide Bezüge sind aber nicht beabsichtigt, denn der Titel der Zeitschrift stammt aus einem ganz anderen Bereich als dem der nationalsozialistischen Propaganda.
Mode-Illustrierte und Lifestyle-Zeitschrift – mit Bezug zum Bauhaus
Die erste Ausgabe der Zeitschrift die neue linie erschien im September 1929 mit einem Titelbild des bekannten Bauhauskünstlers László Moholy-Nagy. Hervorgegangen aus der Zeitschrift Frauen-Mode richtete sich auch die neue linie vor allem an die anspruchsvolle (und wohlhabende) Frau, die nicht nur an Kleidung, sondern auch an Kultur, an Reisen und fernen Ländern, an Literatur und an der Gestaltung von Wohnräumen interessiert war. die neue linie war das ehrgeizigste Projekt von Arndt Beyer, dem Juniorchef des Otto Beyer-Verlags in Leipzig. Von Anfang an gehörten künstlerisch aufwendige Gestaltungen bekannter Grafiker, gute Fotografie, Farbbeilagen und gediegene Ausstattung sowie renommierte Gastautoren zum Konzept. Arndt Beyer und der Herausgeber Bruno E. Werner sahen sich der Moderne des Bauhauses verpflichtet.
Das Bauhaus in Weimar, später in Dessau, galt in den 1920er Jahren als die Ausbildungsstätte für moderne Architektur und Design. Es ist bis heute Inbegriff für Architektur mit Flachdach, klares Produktdesign, Kleinschreibung und nüchternes Grafikdesign. Die Nationalsozialisten bekämpften das Bauhaus von Anfang an. Diese prinzipielle Gegnerschaft, die bis hin zum Hass reichte, überdeckte lange Zeit, dass viele Bauhauskünstler nach 1933 versuchten, sich auch in mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren.
Die Avantgarde in einer abgeschwächten Form massentauglich zu machen – dies war auch Anliegen der neuen Mode-Illustrierten und Lifestyle-Zeitschrift die neue linie, was auch mit dem Titel angedeutet werden sollte. Der Kommunikationswissenschaftler Patric Rössler hat dies treffend mit dem Begriffspaar der "domestizierten Avantgarde" beschrieben (Rössler, S. 8).
Anpassung im Nationalsozialismus
Dieses Konzept einer "domestizierten Avantgarde" ließ sich nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 einigermaßen fortsetzen. Die Blattmacher verpackten nun auch nationalsozialistische Inhalte etwas moderner, was dem Interesse der neuen Machthaber entsprach. Die wollten zumindest den Anschein einer Vielfalt in der Presselandschaft aufrecht erhalten. Als "liberales Aushängeschild" (Rössler, S. 8) wurde die neue linie so ab 1933 mithin Organ einer rechten Avantgarde in Deutschland, bot aber auch einigen Künstlerinnen und Künstlern sowie ihren zumeist männlichen Autoren, die im Nationalsozialismus nicht mehr genehm waren, immer wieder Aufträge.
Ein typisches Beispiel für die bunte Mischung des Blattes ist das Heft vom November 1934, das sich gemeinsam mit weiteren zwölf Ausgaben von insgesamt 163, die von 1929 bis 1943 erschienenen sind, in der Sammlung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgeländes befindet. Auf dem Titel sind zwei elegante Damen beim Opernbesuch zu sehen, deren Darstellung dem damaligen Schönheitsideal entsprach. Die Grafik stammt von dem 1933 von der Kunst- und Gewebeschule Mainz als Anhänger der Moderne entlassenen Otto Arpke, der seine Karriere dann jedoch in Berlin fortsetzen konnte.
Im Heft finden sich unter den Beiträgen zu Reise, Wohnung, Kunst, Mode, Gesellschaft und Unterhaltung auch ein längerer Text, "The new German Dance", von Will Grohmann, der Avantgardekünstlerinnen der 1920er Jahre wie Mary Wigmann als "Aktivposten" der "kulturellen Außenpolitik" Deutschlands vorstellte. Die Wegbereiterin des Ausdruckstanzes der 1920er Jahre und bekannte Choreografin verkörperte so gar nicht das Bild einer eleganten Dame oder einer Frau, die sich in ein nationalsozialistisches Rollenbild fügte. Aber sie passte sich gleichfalls den neuen Verhältnissen an, übernahm die Leitung der Ortsgruppe "Fachschaft Gymnastik und Tanz" im Nationalsozialistischen Lehrerbund, notierte aber in ihr Tagebuch: "Ortsgruppensitzung – zum Kotzen!" (Fritsch-Vivié, S. 97). "Domestizierte Avantgarde" war also nicht nur die Leitlinie der Zeitschrift, sondern auch eine Karrierestrategie für Kunstschaffende im nationalsozialistischen Deutschland ab 1933.
"Sendung einer deutschen Stadt" – die neue linie und Nürnberg
Nur im September 1938 schafft es Nürnberg mit dem Reichsparteitagsgelände auf die Titelseite der Zeitschrift. Begleitet wird diese Aufmachung durch einen Text des expressionistischen Dichters Rudolf Adrian Dietrich mit dem Titel "Nürnberg – Sendung einer deutschen Stadt", der in neunzig Prozent seines Beitrags das spätmittelalterliche Nürnberg vorstellt. Illustriert ist der Beitrag mit eigens angefertigten Zeichnungen vom Stadtbild und den Häusern der Altstadt von Gerda Rotermund, gleichfalls eine namhafte Künstlerin aus Berlin. Sie zeichnet auch Kongresshalle, Märzfeld und Deutsches Stadion. Diese "Großbauten des Dritten Reiches" stellt Rudolf Adrian Dietrich in die Traditionen der alten Reichsstadt Nürnberg "als schon in den Wurzeln ihrer frühesten Vergangenheit beschlossen". (S. 45). "Wie ehedem", so Dietrich weiter, "entstehen auch Nürnbergs neue Bau- und Kunstdenkmäler wieder aus dem Geist der politischen Sendung dieser deutschen Stadt". (S. 45)
Nürnberg kommt immer wieder als Orientierungspunkt, Reiseziel oder Ort nationalsozialistischer Feiergestaltung in der Zeitschrift die neue linie vor. Im September 1937, wieder im Monat des Reichsparteitags, stellt der Ministerialrat Leopold Gutterer die "Festgestaltung des Dritten Reiches" anhand des Reichserntedankfestes auf dem Bückeberg und der Reichsparteitage dar. Während die Feier auf dem Bückeberg dem angeblichen germanischen Brauch folge, in freier Natur eine Feierstätte zu errichten, werde für die Reichsparteitage, so Gutterer, eine Architektur der "Volksgemeinschaft" geschaffen, "bei der jeder sich selber als Teil einer schaubaren Architektur" (S. 18) empfinde "mit einer Blickkonzentration auf den Platz des Führers" (S. 23).
Illustriert wird diese sehr einfache ideologische Interpretation von Feierräumen durch ausklappbare Panoramafotos, welche die Festräume insgesamt als geschlossenes Ensemble einer Gemeinschaft zeigen sollen. Zu sehen sind das Zeppelinfeld mit dem Lichtdom, das Nürnberger Stadion beim Tag der HJ und der Nürnberger Hauptmarkt beim Vorbeimarsch nationalsozialistischer Formationen an Adolf Hitler. Die Fotos wurden mit einer eigens konstruierten Panoramakamera extra für die neue linie angefertigt, um das gesamte Rund der Platzanlagen zu erfassen.
Monumentalplastiken und „steinerne Sprache“ der Architektur
Im Sommer 1939 führt die neue linie ihre Leser und Leserinnen in die Ateliers von vier Künstlern, die Monumentalplastiken für Bauten und Plätze herstellen. Bei Joseph Thorak und Arno Breker sind jeweils Arbeiten für das Reichsparteitagsgelände zu sehen, in Thoraks Atelier in Baldham bei München die riesenhaften Figuren für die Haupttribüne des Märzfeldes.
Als im Februar 1941 die neue linie im Gefühl deutscher Überlegenheit ein großes „Deutschlandheft“ herausbringt, auf dessen Titel ein Adler sich drohend gegen den Kriegsgegner England wendet, ist Nürnberg ebenfalls wieder Teil als nationalsozialistischer Selbstdarstellung im Heft vertreten. Der Herausgeber Bruno E. Werner verbreitet sich über „den symbolischen Sinn der neuen deutschen Architektur“, illustriert mit 55 Zeichnungen von Bauten aus ganz Deutschland, von denen etwa die Hälfte nur als Planung existierten. Unten den Zeichnungen finden sich das Zeppelinfeld, die Kongresshalle und das Deutsche Stadion.
Schöne Bilder vom Reichsparteitagsgelände – nur bis 1943
Von Nürnberg und dem Reichsparteitagsgelände lieferte die neue linie vor allem schöne Bilder – seien es technisch anspruchsvolle Panoramafotos, eigens angefertigte Zeichnungen von Künstlerinnen und Architekten oder das Titelbild von Toni Zepf, welches die verschiedenen Elemente einer angeblichen „Sendung“ Nürnbergs bunt und grafisch ansprechend zu verbinden versucht. So konnten Nürnberg und das Reichsparteitagsgelände, etwas kulturell aufgeladen durch literarische Texte mit bedeutungsschwangerer Begrifflichkeit, auch der gehobenen Unterhaltung in einer der wichtigsten Illustrierten und Design-Zeitschriften des Nationalsozialismus dienen.
1943 war damit Schluss. Die Zeitschrift wurde eingestellt, „um Menschen und Material für andere kriegswichtige Zwecke frei zu machen.“ (Beiblatt zur letzten Ausgabe, März 1943). Die Schlacht um Stalingrad war entschieden und der Krieg für den NS-Staat verloren.
Eine ganze Reihe von Autoren und Autorinnen, von Künstlern und Künstlerinnen, die an der Zeitschrift die neue linie beteiligt waren, konnten ihre Karrieren, die sie teilweise schon vor 1933 begonnen hatten, auch nach 1945 fortsetzen. Häufig handelt es sich um widersprüchliche und gebrochene Lebenswege wie beim Herausgeber Bruno E. Werner selbst, der als (nach NS-Begrifflichkeit) „Halbjude“ einerseits Bauwerke des NS-Systems lobte, andererseits an seinem Faible für bestimmte verfemte Künstler festhielt und damit auch aneckte.
Nüchtern analysierte rückblickend Sebastian Haffner: „Es ist beachtenswert, dass Goebbels einen großen Teil seiner Propaganda unter williger Mitwirkung von Leuten machte, die sich als Anti-Nazis empfanden, der Gesinnung nach auch waren (…). Dass sie dabei (…) mithalfen, dem deutschen Volk etwas vorzugaukeln – nämlich dass alles nur halb so schlimm sei und dass man im Grunde immer noch ein ganz normales Leben führte –, das machten sie sich nicht klar.“ (Haffner zit. nach Rössler, S. 74)
Zum Weiterlesen:
Anke Blümm/Elizabeth Otto/Patric Rössler (Hg.): Bauhaus und Nationalsozialismus. Katalog zur Ausstellung im Museum Neues Weimar, Bauhaus-Museum Weimar und Schiller-Museum, München 2024.
Gabriele Fritsch-Vivié: Mary Wigman, Reinbek bei Hamburg 1999.
Sebastian Haffner: Von Bismarck zu Hitler. Ein Rückblick, München 1989 (S. 255).
Patric Rössler: das bauhaus am kiosk. die neue linie 1939-1943, Bielefeld 2009.
Reihe "Ans Licht geholt – aus der Sammlung des Dokumentationszentrums"
Text und Recherche: Alexander Schmidt
15.04.2026
Textlizenz: CC BY SA 4.0
© Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände
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