Das berühmte Tucher'sche Verkündigungsfenster

Werkstatt Veit Hirsvogel d.Ä.: Verkündigungsfenster. Foto: Uwe Niklas
Verkündigungsfenster, Detail: Erzengel Gabriel. Foto: Uwe NiklasVerkündigungsfenster, Detail: Jungfrau Maria. Foto: Uwe NiklasVerkündigungsfenster, Detail: Gottvater. Foto: Uwe NiklasVerkündigungsfenster, Detail: Eule über dem Erzengel Gabriel. Foto: Uwe NiklasVerkündigungsfenster, Detail: Vase mit Maiglöckchen. Foto: Uwe Niklas
Datierung:

1504/05

Entwurf:

Albrecht Dürer

Ausführung:

Veit Hirsvogel d.Ä. (Werkstatt)

Material:

Bleifassung, geflammtes und klares Glas, gelbliche Färbung, schwarze Bemalung

Herkunft:

Wohnsitz von Dr. Sixtus Tucher, Grasersgasse, Nürnberg, Gartenkapelle

Was stellt das Fenster dar?

Die Glasmalerei des in zwei Bahnen angelegten Maßwerkfensters trägt die Darstellung der Verkündigung: Der Erzengel Gabriel hat sich Maria mit der Nachricht genähert, dass sie vom Heiligen Geist Gottes Sohn empfangen und gebären wird. Während Gottvater auf die Jungfrau herab schaut und sie segnet, schwebt bereits die Taube des Heiligen Geistes über ihr.

Maria kniet vor einem Buch, dem Symbol der Weisheit und Vorhersicht. Sie hat andächtig den Kopf geneigt. Vor ihr steht eine Vase mit Maiglöckchen, den symbolischen Blumen der reinen Liebe und Jungfräulichkeit. Der Erzengel trägt, wie Maria, ein prunkvolles Gewand aus Brokat- und Damaststoffen, welches zusätzlich mit Edelsteinen geschmückt ist. Er hält ein Lilienstabzepter, das von einem Schriftband umwickelt ist, in seiner Linken. Die rechte Hand hat Gabriel zum Segensgestus erhoben.

Der angedeutete Innenraum der Verkündigungsszene ist reich mit wertvollen Brokat- und Damaststoffen geschmückt. Über eine Backsteinbrüstung hinweg fällt der Blick auf eine in weiter Ferne liegende hügelige Flusslandschaft. Nicht zuletzt durch die Glasfarbigkeit wirkt die Szene sehr hell, warm und feierlich.

Das Fenster in Form eines sogenannten Dreipasses (auch Dreiblatt oder Kleeblatt genannt) über dem Erzengel Gabriel zeigt eine Eule, die von zwei Ästen, die zwei Phantasievögel in ihren Schnäbeln halten, eingepfercht ist: Symbol für den Opfertod Christi und die Erlösung. Vermutlich befand sich im linken Dreipass über Maria ursprünglich eine identische Darstellung. Das kleine zentral über den beiden Dreipässen angebrachte Fenster zeigt Gottvater als Halbfigur auf einem Wolkenband: bärtig, seine Rechte zum Segensgestus erhoben, in der Linken die Weltkugel. Auch er ist in prunkvolle Stoffe gekleidet und trägt eine Krone auf seinem Haupt, das vom Heiligenschein hinterfangen wird. In den so genannten Tropfen des Maßwerks sind Pflanzen bzw. Früchte dargestellt: Der geöffnete Granatapfel mit seinen Kernen links unten steht in der christlichen Symbolsprache u.a. für die Kirche als Ekklesia (= Gemeinschaft der Gläubigen) und für Maria als "Mutter der Kirche" ("mater ecclesiae"), die Distelblüte rechts unten gilt als Symbol für das Leiden und den Märtyrertod Christi.

Woher stammt das Fenster?

Bereits 1502 hatte Dr. Sixtus Tucher, der Propst von St. Lorenz, zwei Dreipass-Glasfenster nach einer Vorlage von Albrecht Dürer für das Arbeitszimmer seines Wohnhauses in der Nürnberger Grasersgasse in Auftrag gegeben. Etwa zwei Jahre später, um 1504, verpflichtete Tucher den Künstler, größere Buntglasfenster mit beinahe vier Fuß Höhe für die Gartenkapelle eben dieses Anwesens zu entwerfen. Die Hauskapelle aus dem Ende des 15. Jahrhunderts war mit zwei großen und fünf kleinen Fenstern geschmückt. Die beiden großen Buntglasfenster in der Apsis zeigten "Die Verkündigung" sowie als Pendant die beiden Heiligen Andreas und als Namenspatron des Auftraggebers Papst Sixtus II.

Das Tucher'sche Anwesen in der Grasersgasse wurde wahrscheinlich kurz nach 1834 zerstört. Noch kurz vor der Zerstörung beschwor 1833 eine schriftliche Notiz die Schönheit der Kapelle herauf: "In einem abgelegenen Teil der Stadt, in beinahe klösterlicher Abgelegenheit, findet der Wanderer das oben beschriebene Haus und darin die Hauskapelle vom Ende des 15. Jahrhunderts. (...) Alle (Fenster) sind mit wunderschöner Glasmalerei ausgestattet, so dass die winzige Kapelle denjenigen, der sie betritt, mit ihrem magischen Zauber zu fesseln vermag." Die restlichen erhaltenen Glasfenster aus der Tucher'schen Graserskapelle sind heute in alle Welt verstreut.

Welche Künstler waren beteiligt?

Neben Altarbildern, Porträts, grafischen und theoretischen Werken schuf Albrecht Dürer (1471-1528) auch eine Vielzahl von Entwürfen für Glasfenster. Dürers erste Zeichnungen für Glasgemälde zeigten noch den Einfluss Martin Schongauers und des Hausbuchmeisters. Später arbeitete er eng mit der Werkstatt Veit Hirsvogels zusammen und wurde in Nürnberg zur Schlüsselfigur in der Entwicklung der Glasmalerei von gotischem Formengut zur Formensprache der Renaissance.

Nach Dürers Entwurf wurden die beiden großen Glasfenster aus der Tucher'schen Gartenkapelle in der Grasersgasse in der berühmten Werkstatt des Veit Hirsvogel gefertigt. Vom Ende des 15. bis weit ins 16. Jahrhundert zählte die Familie Hirsvogel zu Nürnbergs führenden Glasmalern. Veit d. Ältere (1461-1552) begründete 1485 die Familienwerkstatt. Zehn Jahre später wurde er zum offiziellen Glasmaler der Stadt ernannt und nahm hier bis zu seinem Tod eine Monopolstellung ein. Seine drei Söhne Veit d. Jüngere, Hans und Augustin assistierten ihm bei der Ausführung monumentaler Glaskunstwerke.

Text: Ulrike Berninger