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Schaustück des Monats

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Schaustück des Monats Januar 2015: Lorenz Hess: Der Große Nürnberger Rathaussaal, 1626/29. Bildnachweis: Museen der Stadt Nürnberg, Kunstsammlungen
1. bis 31. Januar 2015

Schaustück des Monats Januar 2015:
Der Große Nürnberger Rathaussaal

In der beliebten Veranstaltungsreihe "Schaustück des Monats" stellen Ihnen die Museen der Stadt Nürnberg während ca. 30-60 minütiger Spezialführungen besondere Exponate aus dem Besitz der Stadt Nürnberg vor.

Frau Dr. Gabriele Moritz, Leiterin der Abteilung "Kulturhistorische Museen" und stellvertretende Dienststellenleiterin der Museen der Stadt Nürnberg, wird als "Januar-Schaustück" eine der ältesten und prägnantesten bildlichen Wiedergaben der Innenansicht des Alten Nürnberger Rathauses vorstellen: Das im Stadtmuseum Fembohaus präsentierte Gemälde von Lorenz Hess zeigt detailgetreu die prachtvolle Ausstattung des Rathauses im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts.

Aus der Sicht des Kaisers

Das Gemälde ist eine der ältesten Abbildungen der Innenansicht des in den Jahren 1332/1340 errichteten Nürnberger Rathaussaales. Es zeigt detailgetreu seine Ausstattung im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts: Vor allem die 1520 unter Albrecht Dürers Leitung entstandene Bemalung machte den Saal zu einem viel beachteten Gesamtkunstwerk der Renaissance.

Der Betrachter des Bildes nimmt den Rathaussaal aus der Perspektive des Kaisers wahr. Wenn das Oberhaupt des Heiligen Römischen Reiches die Stadt mit seinem Besuch beehrte, saß er erhöht auf einem hölzernen Thron an der Ostwand des Saals. Von hier aus blickte er in westliche Richtung zum Stadtgericht hin, das hinter dem Bronzegitter aus der Werkstatt des berühmten Bildhauers Peter Vischer Recht sprach.

Als eines der ganz wenigen Bilder aus städtischem Besitz ist die Ansicht des Rathaussaales von Lorenz Hess den Nürnbergern und den Gästen der Stadt von seiner Entstehungszeit an bis in die Gegenwart präsent. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es dem Germanischen Nationalmuseum als Leihgabe überlassen. Seit 1954 befindet sich das Gemälde im Stadtmuseum Fembohaus.

Vom "Probestück" zur Meisterwürde

Am 14.6.1626 erkundigte sich der Maler Lorenz Hess, eines hiesigen burgers und flaschners Sohn, beim Nürnberger Rat, ob er sein "Probestück" einreichen könne. Dieses Ansinnen wurde allerdings von den Vorstehern der Malervereinigung abgelehnt, da Hess nicht die vorgeschriebene Zahl an Lehr- und Berufsjahren nachweisen konnte. Der ehrgeizige junge Künstler ließ sich aber nicht entmutigen und reichte auf eigene Faust ein "Probestück", nämlich des Rathaussaals Conterfect, ein.
Mit dieser äußerst detailgetreuen Ansicht des 1621 endgültig fertiggestellten Saales hatte Lorenz Hess offenbar einen nachhaltigen Eindruck seines Könnens bei den Ratsherren hinterlassen. Sie forderten das Werk für die Rathausgalerie ein, ordneten aber zugleich wohl auf Druck der Malervereinigung an, dass Hess nach der ordnungsgemäßen Absolvierung seiner Lehr- und Gesellenzeit ein neues Meisterstück vorlegen müsse. Ein Jahr später lieferte Hess dann ein Marienbild als "Probestück" ein. Da den Herren des Rates die ältere Ansicht ihres Rathaussaales aber besser gefiel, behielt man das erste "Probestück" für immer ein und gab dem Künstler seine Jungfrau Maria mit dem Kindlein Jesu zurück.

Allegorien und Symbole

Als Vorbild für sein Gemälde diente Hess wohl die Darstellung des Rathaussales von Paul Juvenel d. Ä., das den nach der Neuausmalung und Restaurierung im Jahre 1613 zeigt.

Um die Gunst der Nürnberger Ratsherrn für die vorzeitige Verleihung der Meisterwürde zu gewinnen, bediente sich Hess bewusst verklärender Allegorien und Symbole. Am Scheitelpunkt der Rathausdecke posieren zwischen Justitia (Gerechtigkeit, links) und Prudentia (Klugheit, rechts) – den personifizierten Tugenden des patrizischen Stadtregiments – zwei Putten, deren Attribute die Verbindung zwischen Reich und Stadt versinnbildlichen. Einer hält die Kaiserkrone und das Kaiserwappen mit dem Reichsadler – sinnreiche Anspielung auf die Stadt als Hüterin der Reichskleinodien und Ort des ersten Reichtages jedes neugewählten Kaisers. Der andere Putto trägt die beiden Nürnberger Stadtwappen.
Mit einem weiteren künstlerischen Trick versuchte Hess, den reichsstädtischen Rat positiv zu beeinflussen: Im Bildvordergrund porträtierte er die sogenannten Septemvirn, ein siebenköpfiges Gremium, das die eigentliche reichsstädtische Regierung bildete. Diese Inneren Geheimen Räte stellte Hess würdevoll in Amtstracht mit Mühlsteinkragen und pelzbesetzter Schaube dar.

Da es um seine berufliche Zukunft ging, musste der Künstler bei seinem ersten "Probestück" größten Wert auf eine exakte Wiedergabe des Raumeindrucks legen. Diese verlässliche Detailtreue der Ansicht des Rathaussaales ist zu allen Zeiten geschätzt und anerkannt worden. Bei der Restaurierung des Rathaussaales 1904/05 lehnte man sich in der übergreifenden farbigen Abstimmung des Gesamtraumes eng an das Werk von Lorenz Hess an.

Führungen zum Schaustück des Monats