Das Schwungrad der Tandem-Dampfmaschine. Foto: Herbert Liedel
Arbeiter des Eisenwalzwerkes Julius Tafel, 1904.Die große MAN-Dampfmaschine kommt ins Museum 1986-87.Nach dem Einbau der Anlage, 1988. Noch stehen Maschine und Schwungrad frei in der Halle.Die Dampfmaschinenhalle heute. Im Hintergrund zu sehen, Informationen und historische Fotografien aus der Dampfkraft-Ära. Foto: Erika Moisan
Hersteller:

MAN Nürnberg

Datierung:

1907

Dampfzeitalter

Beginnend im Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert hinein war es die Kraft des Wassers, die die Mühlen und Werke entlang der Pegnitz antrieb. Die Räder am Fluss lieferten die Energie für Handwerk und Gewerbe. Mit der aus England kommenden Dampfmaschine änderte sich das vollständig. Die Energiequelle war nun ortsunabhängig, ja sogar beweglich, wie der "Adler" zeigt.

Erfinder der Dampfmaschine war im übrigen Thomas Newcomen, der bereits 1712 eine funktionsfähige Dampfmaschine zum Abpumpen von Wasser aus einem Bergwerk einsetzte. James Watt hat den Wirkungsgrad der Newcomenschen Dampfmaschine verbessert, indem er den Kolben abwechselnd von der einen und von der anderen Seite mit Dampf beschickte und den Abkühlvorgang verlagerte. Diese Konstruktion hat er 1769 patentieren lassen.

Geld für Leistung

Ein aus heutiger Sicht interessanter Aspekt ist die Finanzierung der frühen Watt'schen Dampfmaschinen: Wohl weil es den Fabrikanten in dieser frühen Phase der Industrialisierung viel zu riskant erschien, die neuen Kraftmaschinen käuflich zu erwerben, kam man überein, nur die erbrachte Leistung zu honorieren. So bekam James Watt Geld für jeden Kolbenhub seiner Dampfmaschinen. Dieses Prinzip geriet allerdings bald in Vergessenheit und taucht erst heute wieder als ganz neues Modell auf.

Maschinenhersteller sind wieder allein zuständig für ihre Maschinen, die in den Produktionsstätten der jeweiligen Werke ihren Dienst tun. Dabei werden die Maschinen weder gekauft noch geleast, vielmehr wird nur das honoriert, was am Ende des Prozesses herauskommt. Für die Behebung von Verschleiß, Pannen und Mängeln ist ausschließlich der Maschinenhersteller zuständig. Die Finanzierung des gesamten Produktionsprozesses beginnt erst mit der Bezahlung durch den Abnehmer.

Volldampf im Tafelwerk

Die Dampfmaschine war die Initialzündung die Industrialisierung. Fabriken und Eisenbahn verdanken der Dampfkraft ihre Entstehung und die Industrie entwickelte sich entlang des rasch wachsenden Schienennetzes.

Die große MAN-Dampfmaschine vom Typ LT 10 wurde 1907 in Nürnberg hergestellt. Die ventilgesteuerte Tandem-Dampfmaschine hatte eine maximale Leistung von fast 1500 PS. Sie ist eine der größten ihrer Art und das aus zwei Hälften bestehende Schwungrad hat allein 5 Meter Durchmesser und wiegt nahezu 30 Tonnen.

Gebaut worden war die Dampfmaschine für die Opel-Werke in Rüsselsheim, wo sie 20 Jahre Dienst tat. Ab 1927 war sie in einer Papierfabrik in Thüringen im Einsatz, bis sie schließlich 1938 nach Nürnberg ins Eisenwalzwerk Julius Tafel kam. Hier brummten die Geschäfte, und entsprechend groß war der Energiebedarf der Walzstraßen. Die Rüstungsproduktion lastete das Werk bis an die Kapazitätsgrenzen aus. Das blieb nicht so. Nach vorübergehendem Aufschwung in den 1950er und 1960er Jahren, wurde das "Tafelwerk" 1975 geschlossen, die Walzstraßen standen still.

1985, die erfolgreiche Ausstellung "Zug der Zeit – Zeit der Züge" hatte Tausende Besucher ins stillgelegte Tafelareal gelockt, fiel die Entscheidung, ein Museum eigens zur Darstellung von Nürnbergs glorreicher Industriegeschichte einzurichten. 1988 wurde der erste Teil des Museums Industriekultur in einer ehemals zum Walzwerk gehörenden Schraubenfabrik eröffnet. Hier ging die Dampfmaschine mit 68 Jahren in Rente. Vorher allerdings musste sie mit ihren gut 100 Tonnen Gewicht über eine Distanz von rund 150 Metern ins Museum gebracht werden. Dabei halfen pensionierte MAN-Mitarbeiter, die Maschine zu zerlegen, zu reinigen und vor allem sie wieder funktionsfähig aufzubauen. Vieles beim Umgang mit dieser alten und mächtigen Technik war dabei nicht gerade alltägliche Routine.

Heute läuft die Maschine mit niedrigen Drehzahlen im Demonstrationsbetrieb über Elektromotor. Die echte Geschwindigkeit von bis zu 100 Umdrehungen/Min. wird im Rahmen einer filmischen Simulation vermittelt. Eine derartige Geschwindigkeit hätte trotz exakter Bauweise sehr starke Vibrationen zur Folge, denen das Museumsgebäude auf Dauer nicht standhalten würde.

Reihe "Starke Stücke, kleine Schätzchen"

Text: Matthias Murko