Missglückte Propaganda: "Adolf Hitler spricht"
Ein Daumenkino vom Reichsparteitag 1929

Titelblatt des Daumenkinos "Adolf Hitler spricht" von 1929.
Innenseite mit Hitler bei seiner Rede im Luitpoldhain, Reichsparteitag 1929.Innenseite mit Hitler bei seiner Rede im Luitpoldhain, Reichsparteitag 1929.Innenseite mit Hitler bei seiner Rede im Luitpoldhain, Reichsparteitag 1929.Rückseite des Daumenkinos mit dem Namen des Produzenten Heinrich Hoffmann.
Hersteller:

Photohaus Hoffmann, München

Datierung:

1929

Material:

Papier und dunkler Karton, geheftet

Maße:

9 cm hoch, 5 cm breit, 1,8 cm dick, circa 80 Seiten

Sammlungsnummer:

Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände DZO 0135

Das "Nationalsozialistische Photohaus Hoffmann", München, Amalienstraße 25 war von Anfang an einer der wichtigsten Bildproduzenten für die Propaganda der NSDAP. Sein Besitzer Heinrich Hoffmann war schon 1920 Mitglied der DAP, dem Vorläufer der NSDAP, und gehörte zum engeren Kreis um Adolf Hitler. In Hoffmanns Photoatelier lernte Hitler 1929 Eva Braun kennen. Hoffmans Tochter Henriette heiratete 1932 den "Reichsjugendführer" Baldur von Schirach.

Kein Fotograf konnte sich so in der unmittelbaren Nähe zu Hitler bewegen wie Hoffmann. Er nutzte dies, um ab 1933 einen Medienkonzern aufzubauen, der exklusiv Pressebilder vertrieb, Postkarten, Bildbände, gerahmte Hitler-Portraits und Hitlerbüsten verkaufte sowie Zeitschriften herausgab. 1943 erzielte der Konzern einen Umsatz von 15 Millionen Reichsmark. Heinrich Hoffmann war mehrfacher Millionär.

Angesichts der später perfektionierten Hoffmannschen Bildmaschinerie dokumentiert das Daumenkino von 1929 ein Stück weit das mögliche Scheitern von Propagandaideen: Das Daumenkino zeigt einen wild gestikulierenden Hitler während des Parteitags 1929 in Nürnberg bei seiner Ansprache im Luitpoldhain vor der SA – im Hintergrund Standarten mit großen Hakenkreuzen, einige SA-Männer und eine Hecke. Damals war der Luitpoldhain noch ein Park, keine leer geräumte Arena wie ab 1933. Die uniformierten SA-Männer mussten sich inmitten von Hecken, einem Springbrunnen und Parkbäumen aufstellen – eine wenig perfekte Gesamtszenerie für Aufmarsch und Ansprache.

Es ist heute schwer zu beurteilen, wie ein solches Daumenkino im Jahr 1929 auf die Menschen gewirkt hat. Hitler erscheint aber durch das Medium Daumenkino seltsam verkleinert, seiner Worte beraubt und auf hektische Gesten reduziert – ein Hitler sozusagen im Westentaschenformat, der fremdbestimmt immer wieder neu in Bewegung gesetzt werden kann.

Besonders erfolgreich scheint das Daumenkino damals nicht gewesen zu sein. Es ist jedenfalls kein weiteres Daumenkino von Photo Hoffmann erschienen. Insgesamt gab es wohl nur zwei weitere derartige Daumenkinos: Der "Filmblockverlag" Erich Bethe verkaufte ein Daumenkino unter dem Titel "Der Führer grüßt", außerdem gab es vom Hamburger Verlag Wahler und Sohn ein Daumenkino unter dem Titel "Der Führer spricht".

Das Daumenkino wurde dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände 2016 als "Zeitdokument" zugeschickt.

Das Daumenkino als Video (.mp4-Datei 2,2 MB)

Quellenhinweis und zum Weiterlesen:
Rudolf Herz: Hoffmann und Hitler. Fotografie als Medium des Führer-Mythos, München 1994
Daniel Gethmann (Hrsg.): Daumenkino, Köln 2005

Reihe "Ans Licht geholt – aus der Sammlung des Dokumentationszentrums"

Text: Alexander Schmidt