zurück

Ausstellung

Die Grabeskirche in Jerusalem: heute ebenso Pilgerziel wie vor über 500 Jahren, als Hans VI. Tucher sie auf seiner Pilgerreise 1479/80 besuchte. Bildnachweis: Horst Kopp

weitere Bilder

Verlängert bis 10. Januar 2016!

Nürnberg und der Orient

Der Verein Arabisches Museum Nürnberg e.V. präsentiert sich in einer Sonderausstellung im Museum Tucherschloss

 

Das Arabische Haus Nürnberg

Das Arabische Haus Nürnberg des Vereins Arabisches Museum Nürnberg e.V. soll ein in Mitteleuropa einzigartiges Kulturzentrum werden, in dem mit einem lebendigen Programm aus Veranstaltungen, musealer Präsentation und wechselnden Ausstellungen das Verständnis um den Reichtum und die Vielfältigkeit der arabischen Kultur gefördert werden soll.

Fünf Ziele sollen in fünf räumlichen Zonen realisiert werden:
- Begegnung ermöglichen – im Hof der Begegnung
- Wissen vermitteln – in den Palästen des Wissens
- Kultur erlebbar machen – in den Oasen der Kultur
- Dialog fördern – in den Gärten des Dialogs
- Sinne ansprechen – im Basar der Sinne

Alle diese Ziele werden im Herbst 2015 im Museum Tucherschloss anschaulich zu erleben sein: Das Thema "Wissen vermitteln" wird in der Ausstellung "Nürnberg und der Orient" präsentiert. Dabei werden – ausgehend von den im Museum rings um die Geschichte des Hauses Tucher behandelten Themen – die vielfältigen Beziehungen zwischen Nürnberg und dem Morgenland in Vergangenheit und Gegenwart beleuchtet. Lassen Sie sich überraschen!

Die Ausstellung

Seit dem hohen Mittelalter gehörten die Tucher zu den bedeutendsten Patrizierfamilien in Nürnberg. Hans VI. Tucher war der prominenteste Reisende der ehemaligen Reichsstadt: Am 6. Mai 1479 brach er als Jerusalempilger ins Morgenland auf und kehrte ein Jahr später wohlbehalten nach Nürnberg zurück. Von seiner Reisebeschreibung wurden nach der Rückkehr mindestens 12 verschiedene Ausgaben gedruckt.

Die Sonderausstellung beleuchtet im Museum Tucherschloss und Hirsvogalsaal die vielfältigen Beziehungen zwischen Nürnberg und dem Morgenland in der Vergangenheit bis zur Gegenwart. Sie zeigt die vielseitigen Einflüsse aus der arabischen Welt, die sich als Erbe in Europa niederschlugen. Der Fokus liegt auf der Rolle, die dabei Nürnberger Bürger spielten.

Handel mit dem Orient

Ein Schwerpunkt der Ausstellung ist das Thema Handel. Die Reichsstadt Nürnberg hätte im frühen Mittelalter ohne die Impulse aus der arabischen Welt nicht die dominierende wirtschaftliche Rolle spielen können, die sie besaß. Der einträgliche Gewürzhandel war eine Grundlage dafür. Die importierten Gewürze sind ein Beispiel dafür, wie Waren aus der Ferne den Alltag nachhaltig verändern können. Das erste Rezeptbuch in deutscher Sprache, das fremde Gewürze thematisierte, wurde 1485 in Nürnberg herausgegeben. Der Nürnberger Kaufmann Johann Sigismund Wurffbain (1613-1661) exportierte 1640 aus dem heutigen Jemen erstmals Kaffee – ein Getränk, das die Welt verändern sollte.

In Venedig hatten die Nürnberger Handelshäuser ihre Depots im Fondaco dei Tedeschi (deutsche Handelsniederlassung). Im Gegenzug bezogen sie vom Fondaco dei Turchi (türkische Handelsniederlassung) die Waren aus dem Orient. Durch den Transport über die Alpen und den Weitervertrieb waren die Planwagen der Nürnberger Kaufleute gewissermaßen eine Verlängerung der Kamelkarawanen der arabischen Händler. Die Karawanen wie die Kaufmannszüge setzten gleichermaßen ein ausgefeiltes unternehmerisches Knowhow voraus. Am Beispiel der Gewürze zeigt sich die Vermittlerrolle, die die Araber spielten – denn die Zutaten stammten ursprünglich aus Indien und Ostasien. Arabische Händler organisierten den Bezug auf ihren Karawanenwegen durch die Wüsten entlang der Weihrauch- und Seidenstraße und mit Seefahrten über den Indischen Ozean. Der Weg führte weiter über das Mittelmeer. Hier waren Andalusien und Venedig die wichtigsten Brückenköpfe.

Wissen aus dem Orient

In Andalusien entstand unter maurischer Herrschaft ein Gesellschaftssystem, das dank seiner Toleranz Medizin, Mathematik, Technik und Kunst zur Blüte brachte – oft basierend auf wiederentdecktem Wissen der europäischen Antike. Europäische Gelehrte bauten in den folgenden Jahrhunderten darauf auf.

Entsprechend ist ein zweiter Schwerpunkt der Sonderausstellung das Wissen, das Europa aus dem Orient und durch Vermittlung der Araber als Erbe bezog. Vor allem die Entwicklung von Medizin, Mathematik, Chemie und Astronomie profitierte davon. Technische Verfahren von der Papierherstellung bis zur Bierbrauerei haben ihre Wurzeln in den fernen Kulturen.

In der Geschichte Nürnbergs waren Martin Behaim mit seinem "Erdapfel", Albrecht Dürer mit seinen geometrischen und astronomischen Erkenntnissen und Ulman Stromer mit seiner 1390 eröffneten Papiermühle nur drei von vielen Persönlichkeiten, die von Wissen aus dem Orient inspiriert wurden. Das medizinische Wissen arabischer Ärzte in Andalusien rühmt die Schedel'sche Weltchronik, die 1493 in Nürnberg gedruckt wurde.

Schon 1455 schrieb der Nürnberger Meistersinger Hans Rosenplüt ein Fastnachtsspiel, in dem er den Sultan aus dem Orient mit seinem weisen Rat nach Nürnberg kommen ließ. Selbst in der deutschen Sprache sind die Spuren aus dem Morgenland zu finden. 1826 folgte der Dichter und Sprachgelehrte Friedrich Rückert (1788-1866) einem Ruf als Professor für orientalische Sprachen und Literatur nach Erlangen. Er gilt als einer der Begründer der deutschen Orientalistik.

Impulse gingen aber auch über die Wissenschaften hinaus. Das Bildungsbürgertum ergriff seit Ende des 18. Jahrhunderts eine allgemeine Orientbegeisterung, die sich in der Literatur und Malerei niederschlug. Unter den Orientmalern des 19. Jahrhunderts lernte der in Erlangen geborene Carl Haag (1820-1915) zunächst an der Nürnberger Kunstschule unter Albert Reindel sein Handwerk, bildete sich in Brüssel fort und wurde schließlich Schüler an der Royal Academy in London.

In der Gegenwart unterhalten ca. 800 Firmen der Metropolregion Geschäftsbeziehungen in die arabische Welt. Zum andalusischen Córdoba und zur Lagunenstadt Venedig pflegt Nürnberg heute noch intensive Beziehungen, nicht zuletzt durch die regen Städtepartnerschaften.

Die Ausstellung wurde vom Verein Arabisches Museum Nürnberg e.V. konzipiert. Sie soll der Wissensvermittlung als Ziel des Vereins dienen.

Als Gast ergänzt der syrische Journalist und Autor Bassam Loulou die Ausstellung mit seiner kleinen Vitrinenpräsentation "Gottes Handschrift (God's Signature)".
mehr Informationen

Öffnungszeiten während der Ausstellung
Montag, Donnerstag, Sonntag: 10 bis 17 Uhr

Bildergalerie zum "Fest der Begegnung"

Begleitprogramm zur Ausstellung