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Die Dürer-Sammlung Diehl – ein Geschenk an die Stadt Nürnberg

Albrecht Dürer: Erasmus von Rotterdam. Kupferstich, 1526.

"Tiefschwarz", "rein", "scharf" oder "kontrastreich" – so und ähnlich lauten die Beschreibungen, mit denen man den Zustand von druckgraphischen Blättern von herausragender Qualität definiert. Wenn diese Kupferstiche und Holzschnitte wie im Falle Albrecht Dürers (1471–1528) dann noch ein halbes Jahrtausend alt sind, gewinnen solche Charakteristika natürlich zusätzlich an Wert. Weiteres Kriterium für solche Spitzenkunst ist auch der unberührte Originalzustand – ohne Reparaturen, Retuschen oder Reinigungen. All diese Superlative treffen nun auf eine der bedeutendsten Kunstschenkungen zu, die der Stadt Nürnberg jemals zuteil wurden.
Es handelt sich um insgesamt 106 Kupferstiche und Radierungen sowie 37 Holzschnitte Albrecht Dürers. In ihnen spiegelt sich – vor allem bei den nahezu vollständigen Kupferstichen – die gesamte Bandbreite seines graphischen Schaffens zwischen 1495 und 1526 wider. Dies gewinnt bei einem Künstler wie Dürer besondere Bedeutung, weil sein bevorzugtes Ausdrucksmittel an erster Stelle die Kunst der Linie und hier besonders der Kupferstich war. Und diese Bedeutung wächst noch, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die einstige Reichsstadt beinahe alle Dürer-Gemälde, die sie ehedem besaß, im Laufe der Jahrhunderte verloren hat. Geblieben sind nur die beiden Kaiserbildnisse, die heute als Leihgaben im Germanischen Nationalmuseum hängen, wo sich auch ein Großteil der städtischen Dürer-Graphik befindet.

Zusammengetragen hat diese Spitzensammlung seit den 1960er Jahren der Nürnberger Industrielle und Ehrenbürger Karl Diehl (1907–2008). Neben größtmöglicher Vollständigkeit – vor allem bei den Kupferstichen – ging es ihm dabei vor allem um frühe, unbeschädigte Abzüge vom noch unverbrauchten Druckmedium. Hier ließ er sich meist von der international renommierten Nürnberger Kunsthandlung Kistner beraten. Dies führte zu einer gewissen Fluktuation, weil es immer wieder gelang, gute Stücke durch noch bessere zu ersetzen, die oft aus berühmten Sammlungen stammten. Auf diese Weise wuchs ein Bestand an Dürer-Werken, dessen Qualität den Vergleich mit den großen Museen der Welt nicht zu scheuen braucht.

Auf Wunsch der Erben Karl Diehls wurden die Früchte seiner Sammelleidenschaft im April 2016 der Öffentlichkeit übergeben.

In einer ersten Ausstellung wurden bis zum August 2016 ausgewählte Werke gezeigt. Sie wurde am 14. April 2016 durch König Willem Alexander und Königin Máxima der Niederlande eröffnet.

Noble Herkunft

Ein großer Teil der Sammlung Diehl stammt aus dem einstigen Kunstbesitz der Herzöge von Arenberg, die seit dem Hochmittelalter im Rheinland und im heutigen Belgien ansässig waren. 1644 wurde das Herrschaftsgebiet der habsburgtreuen Grafen zum Herzogtum er­hoben. Im Brüsseler Palais d' Arenberg war es vor allem Herzog Engelbert Maria (1872–1949),der sich als Graphiksammler hervortat. Ein erster großer Verkauf von Zeichnungen, Kupferstichen und Holzschnitten erfolgte bereits1902. Weitere Kunstverkäufe resultierten aus der deutschen Niederlage im 1. Weltkrieg, nachdem alle belgischen Besitztümer des Hauses verloren gegangen waren. Seither wurde Westfalen zum Schwerpunkt des Familienbesitzes. Nach dem letzten Krieg gelangte vor allem 1955 noch einmal hochklassige Dürer-Graphik aus herzoglichem Besitz in den Kunsthandel.
Weitere historische Sammlungen, aus denen Karl Diehl Blätter seines berühmten Nürnberger Landsmanns erwerben konnte, waren etwa die des Pariser Künstlers und Sammlers Pierre-Jean Mariette (1694–1774); des Aachener Mediziners und Politikers Dr. August Sträter (1810–1897); des Zürcher Bankiers und bedeutenden Wirtschaftswissenschaftlers Dr. Felix Somary (1881–1956) oder des amerikanischen Sammlers und Mäzens Lessing J. Rosenwald (1891–1979). Ferner finden sich Blätter aus dem ehemaligen Besitz der Herzöge von Devonshire oder der Grafen von Northwick.

Qualitätsfragen

Kriterien für die Qualität eines druckgraphischen Blattes sind neben einem illustren Vorbesitzer etwa

  • ein früher, gleichmäßiger Abzug von der Kupferplatte oder von einem Holzstock, also noch bevor mechanische Beschädigungen oder die charakteristischen Abnutzungen auftreten.
  • eine vollständige, also nicht beschnittene Einfassungslinie bzw. der klar erkennbare Rand des Druckmediums.
  • der gute Erhaltungszustand, der möglich frei von späteren Ergänzungen, Retuschen und vor allem von Reinigungen ("Waschungen") sein sollte.
  • ein – im Gegenlicht – deutlich erkennbares Wasserzeichen, mit dem die Papierhersteller ihr "Markenprodukt" von Beginn an gekennzeichnet haben.

Sehr viele, bisweilen sogar alle dieser Kriterien treffen auf die Dürer-Drucke der Sammlung Diehl zu.