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Schaustück des Monats

Schaustück des Monats Oktober 2018: Der "unheilige Orgelspieler". Bildnachweis: Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

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Freitag, 19. Oktober 2018, 17 Uhr

Schaustück des Monats Oktober 2018:
Der "unheilige Orgelspieler"
Titelbild des TIME Magazine, Januar 1939

Mann des Jahres

1938 wird Adolf Hitler vom TIME Magazine zur einflussreichsten Person des Jahres gekürt und als die größte Bedrohung für die freiheitlich-demokratische Welt bezeichnet. Das Titelbild der Januar-Ausgabe 1939, mit der die Wahl bekanntgegeben wird, scheint allerdings mit Hitler zunächst nicht viel zu verbinden: Man sieht eine Orgel, davor einen Organisten, links und rechts davon scharen sich festlich gewandete Würdenträger, eine Frau in altmodisch wirkender Kleidung fährt auf einem Karussell. Erst auf den zwei-ten Blick werden Details erkennbar: Der Organist trägt eine Uniform mit Hakenkreuz, die Würdenträger sind Parteifunktionäre, an dem gewaltigen Rad über der Orgel hängen abgemagerte und gemarterte Körper.

Das "totale Instrument"

Dass der Erschaffer der Zeichnung, der surrealistische Maler Rudolph Carl von Ripper (1905-1960), für seine Darstellung gerade die Orgel wählt, ist kein Zufall: Den Nationalsozialisten gilt sie als Symbol für die Musik- und Kulturnation Deutschlands. Ihrer Bedeutung entsprechend, wird 1936 in der Luitpoldhalle auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände die bis dahin größte Orgel Europas errichtet. Mit ihr sollen die zentralen Veranstaltungen der Parteitage – Kongresseröffnung, Einzelkongresse und die Schlussansprache Hitlers – noch weihevoller gestaltet werden. Hitler, dessen Vorliebe für Musik allgemein bekannt ist, inspiziert regelmäßig den Baufortschritt. Bei einer Probevorführung der neuen Orgel lässt sich der Diktator sogar als andächtig lauschender Musikliebhaber in Szene setzen.

Die Orgel steht im Nationalsozialismus aber nicht nur für Sakralität und Musikalität. Aufgrund ihrer Größe und Komplexität wird sie als "totales Instrument" bezeichnet und ist daher auch ein Symbol für totale Herrschaft. Der Maler greift diesen Aspekt der national-sozialistischen Selbstdarstellung auf, wendet ihn aber ins Gegenteil: Von den Nationalsozialisten als Sinnbild für die Kulturnation Deutschland verwendet, erscheint die Orgel bei ihm als Folterinstrument. Sie steht symbolisch für die Terrorherrschaft des 'Dritten Reichs'.

Der Mann hinter dem Bild

Von Ripper erfährt diese Terrorherrschaft am eigenen Leib. Der in Siebenbürgen geborene Maler und Illustrator wird im Herbst 1933 in Berlin verhaftet, weil Exemplare des Braunbuchs über Reichstagsbrand und Naziterror, einer Kampfschrift gegen die Nationalsozialisten, bei ihm gefunden worden waren. Nach einem Verhör durch die Geheime Staatspolizei wird von Ripper inhaftiert und im Januar 1934 in das Konzentrationslager Oranienburg überstellt. Anfang Mai 1934 wird er auf Intervention der österreichischen Botschaft entlassen und aus Deutschland ausgewiesen.

Nach seiner Haft dient er in der französischen Fremdenlegion und kämpft im spanischen Bürgerkrieg, bevor er 1938 in die USA emigriert. 1941 meldet er sich zum Dienst in der amerikanischen Armee und kehrt nach Kriegsende als amerikanischer Staatsbürger nach Österreich zurück. Später lebt er in den USA und auf Mallorca, wo er 1960 stirbt.

Im Exil verarbeitet Ripper seine Hafterlebnisse in einer Reihe von Zeichnungen, deren größter Teil während seiner Emigration verloren geht. Ripper schafft Ölgemälde, Zeichnungen, Radierungen, Schmuck und Vorlagen für Tapisserien. Seine Darstellung Hitlers als unheiliger Organist gilt jedoch nach wie vor als sein bekanntestes Werk. Die thematische Führung durch die Sonderausstellung "Hitler.Macht.Oper – Propaganda und Musiktheater in Nürnberg" geht der Entstehung des Bildes und der Bedeutung von Musik für die nationalsozialistische Herrschaft auf den Grund.

Kosten
Eintritt frei